Polen ist für viele Hamburger Händler der nächstgelegene große Onlinemarkt, und trotzdem scheitern dort erstaunlich viele Shops. Nicht am Produkt, nicht am Preis, sondern an Details, die im Projektplan unter Übersetzung abgehakt wurden. Wer seine Website übersetzen lässt und danach auf Bestellungen wartet, erlebt oft eine stille Enttäuschung: Der Traffic kommt, die Warenkörbe füllen sich, und an der Kasse bricht alles ab. Die Ursachen sind meist banal und lassen sich vorher beheben.

Übersetzen ist der kleinste Teil der Arbeit

Ein Onlineshop besteht nicht nur aus Produkttexten. Dazu gehören Kategorienamen, Filterbezeichnungen, Fehlermeldungen im Checkout, Bestätigungsmails, Rückgabeformulare, die Datenschutzerklärung und die kleinen Hinweise neben dem Bezahlbutton. Genau diese kurzen Elemente entscheiden darüber, ob ein Kunde weiterklickt oder abbricht, und genau sie bleiben beim schnellen Projekt gern unübersetzt.

Sinnvoll ist deshalb eine Inventur vor dem Start. Welche Texte liegen im Shopsystem, welche in E-Mail-Vorlagen, welche in Bildern, die neu gebaut werden müssen. Diese Liste wird fast immer länger als erwartet, und sie ist die Grundlage für ein belastbares Angebot. Welche Fragen davor geklärt sein sollten, beschreibt dieser Beitrag darüber, was man vor einem mehrsprachigen Relaunch die Website übersetzen lassen sollte oder eben nicht.

Was polnische Kunden anders erwarten

Der polnische Onlinehandel ist hart umkämpft und technisch weit entwickelt. Käufer sind schnelle Lieferung, unkomplizierte Rücksendung und eine große Auswahl an Zahlwegen gewöhnt. Wer nur Kreditkarte und Vorkasse anbietet, verliert einen erheblichen Teil der Interessenten, weil lokale Sofortüberweisungen und Zahlung per Abholstation als Standard gelten.

Dazu kommt die Rolle der Paketstationen. In Polen ist die Abholung am Automaten nicht die Notlösung, sondern für viele die erste Wahl. Ein Shop, der diese Option nicht sichtbar anbietet, wirkt umständlich, egal wie gut die Texte sind. Solche Erwartungen gehören in die Projektplanung, nicht in die Nachbesserung nach dem ersten schwachen Quartal.

Anrede, Ton und die Sache mit der Höflichkeit

Im Deutschen ist die Entscheidung zwischen Du und Sie eine Markenfrage. Im Polnischen ist sie zusätzlich eine grammatische, weil sich mit der Anrede Verbformen und ganze Satzkonstruktionen ändern. Wer diese Entscheidung nicht bewusst trifft, bekommt einen Shop, in dem die Produktseite duzt und die Bestellbestätigung siezt.

Auch die Tonlage verschiebt sich. Werbetexte, die im Deutschen sachlich und knapp wirken, klingen wörtlich übertragen im Polnischen häufig unfreundlich. Umgekehrt erscheinen polnische Höflichkeitsformeln im deutschen Text schnell überladen. Hier hilft nur eine Person, die in der Zielsprache schreibt und nicht nur übersetzt. Warum diese Grenze im Marketing so oft unterschätzt wird, zeigt PoliLingua in seinem Beitrag zur mehrsprachigen SEO und den Folgen wörtlicher Übertragung für die Sichtbarkeit.

Suchbegriffe sind keine Übersetzungen

Der häufigste teure Fehler steckt in den Kategorienamen. Wer eine deutsche Produktbezeichnung eins zu eins überträgt, landet oft bei einem Begriff, den zwar jeder versteht, aber niemand sucht. In Polen dominieren teils andere Wortformen, teils Anglizismen, teils Diminutive, und die Suchvolumina liegen weit auseinander. Eine kurze Keywordrecherche in der Zielsprache kostet wenige Stunden und verhindert, dass ein Sortiment unter dem falschen Namen einsortiert wird.

Technisch gehören dazu saubere hreflang-Angaben, eigene URLs pro Sprache und übersetzte Meta-Angaben. Die offizielle Dokumentation von Google Search Central zu mehrsprachigen Websites beschreibt die Anforderungen präzise, und sie sind weniger kompliziert, als die meisten Agenturangebote vermuten lassen. Wichtig ist nur, dass es vor dem Livegang geprüft wird und nicht nach dem ersten Rankingverlust.

Wer eine Website für den polnischen Markt übersetzt, übersieht häufig die rechtlichen Randseiten wie AGB, Widerrufsrecht und Datenschutzhinweise. Genau dort ist eine juristische Übersetzung gefragt, denn diese Texte sind verbindlich und werden im Streitfall wörtlich gelesen. Produkttexte und Rechtstexte sollten deshalb nie im selben Auftrag pauschal behandelt werden.

Rechtliches und Service

Widerrufsrecht, Garantie und Gewährleistung sind in der EU harmonisiert, die Formulierungen und Fristenangaben aber nicht beliebig. Standardtexte übersetzen reicht hier nicht, denn eine Rechtsbelehrung muss inhaltlich zum jeweiligen Markt passen. Viele Händler lassen diese Texte deshalb von einer Fachübersetzerin mit juristischem Schwerpunkt erstellen und einmal jährlich prüfen.

Beim Service unterschätzen Shops den Aufwand am meisten. Wer polnischsprachig verkauft, bekommt polnischsprachige Anfragen, und eine automatische Antwort auf Deutsch beendet die Kundenbeziehung schneller als jede Lieferverzögerung. Bewährt hat sich eine feste Wochenstunde mit Sprachunterstützung, in der aufgelaufene Anfragen bearbeitet werden. Die Grundlagen der Lokalisierung gelten hier genauso wie bei Software: Anpassung an den Markt, nicht nur Sprachwechsel.

Was das kostet und wo man sparen kann

Die Kostenfrage lässt sich in drei Blöcke teilen. Produkttexte werden nach Wortzahl abgerechnet und sind bei großen Sortimenten der größte Posten, lassen sich aber gut staffeln: Zuerst die dreißig Artikel, die achtzig Prozent des Umsatzes tragen, der Rest später. Systemtexte und Randmeldungen sind überschaubar und fallen nur einmal an. Rechtstexte kosten pro Seite mehr, bleiben dafür über Jahre gültig.

Sparen lohnt sich an einer Stelle besonders: bei der Vorbereitung. Wer Exportdateien sauber liefert, doppelte Einträge vorher löscht und ein Glossar mit Marken- und Materialbezeichnungen mitschickt, senkt den Aufwand spürbar. Teuer wird es dagegen, wenn Texte in Bildern stecken oder nur über das Shop-Backend einzeln erreichbar sind, denn dann zahlt man Klickarbeit statt Sprachkompetenz.

Ein realistischer Fahrplan

Für einen mittelgroßen Shop mit einigen hundert Artikeln hat sich ein Vorlauf von acht bis zwölf Wochen bewährt. In den ersten zwei Wochen entstehen Inventur und Glossar, danach laufen Kategorien und Kernsortiment, parallel Zahlungs- und Versandanbindung. Die Randtexte kommen zum Schluss, denn sie ändern sich während des Projekts am häufigsten.

Wer die Website Lokalisierung so aufsetzt, startet mit einem Shop, der nicht wie eine übersetzte Kopie wirkt. Das ist am Ende der ganze Unterschied. Polnische Kunden merken innerhalb von Sekunden, ob ein Angebot für sie gemacht wurde oder ob sie zufällig mitgemeint sind.